Eine Serie von vier unscheinbaren Audiokassetten mit einfarbigen Beiblättern - schwarz, rot, blau, silbern -, verpackt in handelsüblichen Klapphüllen mit altmodisch-schwarzem Rückteil (nicht jene komplett transparenten, die irgendwann in den späten 80ern modern wurden). Auf dem Coverrücken per Schreibmaschine lediglich mit dem kryptischen Titel CHBB und dem Veröffentlichungsjahr 1981 versehenen. Damals erschienen im Monatsabstand und in einer Auflage von jeweils 50 Exemplaren, um über Rainer Rabowskis Kassettenlabel Klar80 an eine (ziemlich marginale) Öffentlichkeit vertrieben zu werden. Vier jeweils knapp zehnminütige Tonträger, die vermutlich nur aufgrund ihres apokryphen Erscheinungskontextes heute nicht als Klassiker der elektronischen Tanzmusik gelten.
CH und BB – dieses Kürzel steht für Chrislo Haas und Beate Bartel.
Chris Haas kam nach einem Studium an der Grazer Musikhoschschule (Saxophon, abgebrochen) gegen Ende der 1970er nach Düsseldorf, um an der Seite von Mike Hentz mit der Performancetruppe Minus Delta T die Grenzen des Musik- wie auch des Kulturbetriebs auszuloten. Mit Haschisch aus Holland finanziert er einen Korg MS-20 samt Sequencer, schließt sich der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft an und haust mit der Band während deren Londoner formative year in Kellerverschlägen – die in jenen Tagen auf Mute erschienene erste DAF-Single credited ihn unter pittoresk-teutonischen Pseudonym „Ludwig Hass“. Als die Gruppe auf der Schwelle zum großen Durchbruch zerfällt, um sich als (verstärkt marktorientiertes) Duo neu zu erfinden, gibt es für Haas keinen Platz mehr: er sei „zu undiszipliniert“ (Gabi Delgado-Lopez). Kurzerhand setzt man den „stinkigen Sack“ (Robert Görl) auf die Straße.
Die ausgebildete Tontechnikerin Beate Bartel begann ihre musikalische Karriere als Bassistin bei der Berliner all-girl-group Mania D, einem der wenigen deutschen New Wave-Acts, die – ähnlich den frühen DAF - damals als von internationalem Format rezipiert wurden. Überraschenderweise ist für die Gruppe jedoch bereits nach einer einzigen Single Schluss: Bartel verlässt ihre Kolleginnen, um sich mit dem soeben bei der DAF rausgeflogenen Haas in Düsseldorf als „Pärchenband“ (Gudrun Gut) zu versuchen.
Das musikalische Konzept – rhythmusfokussierte elektronische Tanzmusik – bringt Haas aus seinen Tagen bei der DAF mit, doch an die Stelle des aggressiven Machismo tritt abstrakte Eleganz, ja - Sinnlichkeit. Als erste Konsumprodukte entstehen die oben genannten Kassetten, bald gefolgt von einer heute klassischen LP unter dem Bandnamen Liaisons Dangereuses. Doch während diese Platte, die sich teilweise etwas mehr am konventionellen Songformat orientiert, inzwischen (zu Recht) als Meilenstein auf dem Weg zur modernen Clubmusik gilt, sind die radikaleren Vorarbeiten – weit mehr als bloße Skizzen – bis heute mangels breiterer Verfügbarkeit lediglich einem absoluten Nischenpublikum vertraut.
Ein gegen Mitte der 1980er verfasstes Plädoyer des Spex-Kassettenkritikers Michael Tesch für eine Vinylveröffentlichung der Tapes blieb fast 15 Jahre unerhört; erst im Jahre 1998 wurde die gesamte Kassettenserie durch das mysteriöse Label „Doppelspaltplatten“ als unautorisierten LP gepresst. Die limitierte Auflage des Bootlegs - 100 Stück, von Hand nummeriert - war jedoch allzu schnell vergriffen, und einzelne Exemplare werden heute zu deutlich dreistelligen Preisen gehandelt. Dank moderner Informationstechnologie muss allerdings niemand einen Kredit aufnehmen, um in den Genuss der CHBB-Tracks zu kommen. Möglicherweise genügt bereits ein Blick in einschlägige Internet-Tauschforen…
Wie ist es den Protagonisten seither ergangen? CH fand sich nach unstetem Weg durchs Indie-Business der 80er schließlich konsequenterweise beim Berliner Techno-Label Tresor wieder, zahlte aber tragischerweise 2004 den Preis für einen allzu exzessiven Lebenswandel. Sein defekter Korg MS-20 wurde vor einiger Zeit auf Ebay feilgeboten. BB hat ein Profil auf youtube und arbeitet bereits seit einigen Jahren an einem offiziellen Reissue des CHBB-Materials, das aber leider nach wie vor auf sich warten lässt.
Hagen Weiss, 2008
(Alle wörtlichen Zitate wurden dem Doku-Roman „Verschwende Deine Jugend“ von Jürgen Teipel entnommen)
mau mau