rauchschwaden aus dem rondokeller/japaner in düsseldorf-karaoke-set
Donnerstag 28. Mai 2009, 14:34
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dieses frühjahr zwangen mich zugreisen zur versorgung mit lesestoff, und so stiess ich in der nahe dem hbf düsseldorf gelegenen stadtbücherei auf die afrika-tagebücher von michel leiris, die meine fahrten ins öde dormagen mit einem einblick in die dreissiger jahre und interessanten informationen über den weiteren werdegang jenes rand-surrealisten anreicherten, der seinerzeit u.a. mit dem originellen millionär raymond roussell bekannt war, welcher als erster im speziell konstruierten wohnmobil ebenfalls durch afrika reiste, jedoch ohne überhaupt die kabine zu verlassen, wo er bei geschlossenen vorhängen komplizierte sätze über das etikett einer mineralwasserflasche verfasstte. - sehr empfehlenswert das, - vorausgesetzt, man neigt dazu, sich darin zu vertiefen, und hat nichts gegen leiris´ mehrfach gespiegelte seelendurchleuchtung nach altmodischem strickmuster einzuwenden, dann kann es leicht passieren dass man lust bekommt, nach lektüre der afrikaexpedition in seinen später geschriebenen büchern nach hinweisen und erläuterungen zu diesem wichtigen kapitel seines bereits beendeten lebens zu stöbern, und so greift man womöglich genau wie ich zu den ansonsten etwas langweiligen werken aus der autobiografischen serie “die spielregel”(band 2, krempel, 1985 matthes & seitz) und sucht darin erfolgreich nach weggelassenem und zensiertem aus dem spannenden expeditionsbericht von 1931.

buch zwo (thomas hecken: gegenkultur und avantgarde 1950-1970, 2006 francke verlag) erfordert neben einer kleinen portion fantasie auch spass an der ahnenforschung, dann gibt es nichts aufregenderes, als sich unter die meute langhaariger weintrinkender querulanten zu mischen, die sich kurz nach ende des 2. weltkriegs in paris unter dem namen lettristen formierten und geniale sprüche klopften, wie “arbeitet nie!”, die sie auch auf ihre hosen schrieben, wofür sie damals sicher aufs hoffnungsvollste für bekloppt erklärt wurden, - um etwas später zu den situationisten zu mutieren, die grosse erfinder von verweigerungen waren und mit ihren genial-frechen ideen u.a. vieles vorwegnahmen, was malcolm mc laren 10 jahre später auf t-shirts druckte und als vermarktungsstrategie für die sex pistols anwendete.
gut erklärt sich aus diesem buch die herkunft einiger ideen, die bis heute um uns herumgeistern und aus historischer unkenntnis oft für volkseigentum gehalten werden, so liest man zb, dass laut allen ginsberg “die einnahme bestimmter drogen demokratische wirkungen zur folge hat”, und freut sich an dieser experimentellen weisheit post mortem über das bereits unvermutet eingetretene happy end vieler falsch gestellter fragen und probleme. 

buch drei (peter hein: die songtexte 1979-2009, lilienfeld verlag) beginnt mit dem wort “kulturschock” und enthält grösstenteils kryptische fussballtexte, die beim anhören der dazugehörigen musik sowieso in belanglosigkeit versinken. 

wer braucht dieses buch? - ich glaube, vor allem der verlag hat es nötig, sich etwas jugendlich aufgeschlossen zu geben, und so wurde ein cremefarbenes cover kreiert, auf dem herr hein in unsäglichen schuhen auf der brüstung eines kirchenfensters sitzt und guckt wie struwwelpeter aus hoffmanns märchen, die meiner erinnerung nach leider mehrfach spanndender sind als das, was peter zur ein-und ausleitung seiner texte (diesmal bedacht auf vermeidung allzu langer sätze) eigenhändig hinzuzufügen hatte.
positiv auffallend ist jedoch die im verlagsprospekt angekündigte einleitung von wiglaf droste, die im buch gottseidank fehlt. auch die fotos sind gut ausgesucht und vorher unveröffentlicht.
da sich hein in seinen bereits erwähnten kommentaren, die etwas von thekenreden haben, auch an teile unserer gemeinsam verbrachten zeit erinnert, benütze ich die gelegenheit dazu, interessierten lesern zu versichern, dass es noch erinnerungen an begebnisse gibt, die bislang von beiden seiten als untauglich für texte angesehen wurden. aber wie sich die schuhmode ändert, so kann sich auch die erinnerung mit seltsamen borten beziehen und an hühneraugen-stellen plötzlich überraschende steppnähte aufweisen.

das selten werden neuer einträge im rondo-blog hat mit persönlicher übersättigung an der thematisch behandelten zeit zu tun, und keinesfalls mit mieser laune, üblem geschmack oder zweifelhaftem umgang mit nutzlosen büchern.

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11 Kommentare
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Schön wieder von Dir zu lesen. Aber der Struwwelpeter hat leider überhaupt nix mit den Grimmschen Märchen zu tun.

Kommentar von ghee 05.28.09 @ 15:35

ha,- det hab ick fast vermutet! - danke, ghee!! - war das ne wilhelm-busch-geschichte?

Kommentar von franz 05.28.09 @ 16:21

nee. is doch von heinrich heine.

Kommentar von ghee 05.28.09 @ 16:41

bin übrigens tatsächlich ein großer fan von e.t.a. hoffmann. ohne quatsch. ist der herr hein eigentlich wirklich so schlimm?

Kommentar von ghee 05.28.09 @ 18:09

heinrich hoffmann :-) nee, schlimm ist der nicht, er hat bloss keinen geschmack mehr.

Kommentar von franz 05.28.09 @ 18:17

jo. aber der andere hoffmann ist wirklich recht empfehlenswert.

Kommentar von ghee 05.28.09 @ 18:29

die anderen beiden bücher habe ich auch mal vorgemerkt. im augenblick ist allerdings erstmal wieder der olle celine dran …

Kommentar von ghee 05.28.09 @ 18:31

der struwwelpeter ist allerdings auch eine absolute empfehlung. merkwürdigerweise habe ich ihn vor einiger zeit meiner freundin geschenkt. shock-headed!

Kommentar von ghee 05.28.09 @ 18:38

kein wunder, er ist ja auch der archetyp des germanischen hippies!

Kommentar von franz 05.28.09 @ 20:11

nein. definitiv ein punk. alleine schon diese fingernägel.

Kommentar von ghee 05.29.09 @ 09:00




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